Das Wesentliche

Es ist doch so, dass unsere Zeit ganz verrückt nach dem “Wesentlichen” geworden ist. Ich bin skeptisch ob es dieses “Wesentliche” überhaupt gibt.
Man versucht Zeit zu sparen, indem man beschleunigt – und tut am Ende einfach nur andere Dinge – die aber schneller.
Die Suche nach dem “Wesen” einer Sache zeigt eine Unzufriedenheit mit der offensichtlichen Erscheinungsform. Durch Konzentration und Reduktion möchte man das “Wesen” reiner und besser darstellen, als es sich uns in der ersten Begegnung zeigt.
Aber jeder, der schon einmal Zusammenfassungen zum Beispiel von Romanen oder Opern gelesen hat, weiß, dass damit zwar etwas gewonnen aber auch immer etwas verloren wird. Trifft die Zusammenfassung von Goethes Faust wirklich das “Wesen” oder ist es einfach ein neues anderes Werk, das eine (mögliche) Bedeutung dieses Werkes erschafft indem ganz vieles zu “unwesentlichem” erklärt wird.
Wenn es wirklich unwesentlich wäre, hätte Goethe das nicht selbst erkannt und weggelassen – er jedenfalls hat eine ganze Menge mehr von Sprache verstanden als ich…
Mit jeder Konzentration und Reduktion geht ewas verloren – und wie beim Einkochen einer Suppe bleibt am Ende (wenn man Glück hat) ein Brühwürfel übrig und wird zum “Wesen” der Suppe erklärt.
Nun gibt es ja Menschen, die gerne Brühwürfel essen – aber ist nicht Wasser genauso wesentlich für eine Suppe. Und die Temperatur. Und der schön dekorierte Tisch. Und gute Gesellschaft. Und und und
Wenn wir immer nur nach dem “Wesentlichen” suchen, kann es dann nicht sein, dass wir nur noch Reduziertes bekommen?
Eingekocht und eingedampft – ein reduziertes Leben am Ende. Reduziert vielleicht sogar auf das “Wesentliche” – aber eben reduziert.
Eingerollt, wie auf dem Bild – aber nichts dahinter…
In der Bibel wird uns ein Leben “in Fülle” versprochen. Interessiert sich unsere Zeit vielleicht deshalb so wenig für diese alten Texte, weil sie keine Fülle mehr will, sondern Reduktion?
Ist es nicht genauso wesentlich für ein gutes Leben die ersten Schneeflocken staunend zu betrachten? Oder den Käfer zu beobachten, der sich schon stundenlang abmüht auf einen Grashalm zu klettern? Oder den Hund oder die Katze minutenlang am Bauch zu kraulen (die Katze lieber nicht ;-))
Vielleicht erkennen wir das “Wesen” von Leben erst dann, wenn wir aufhören zu reduzieren und einzukochen und Dinge einzuteilen nach wesentlich und unwesentlich. Wenn wir lernen dem “unwesentlichen” wieder Bedeutung zu verleihen.
Vielleicht kommt dann auch wieder etwas Geist in unser Leben – ich vermute nämlich, dass der nicht auf Brühwürfel steht und sich zusammen mit allem “unwesentlichen” verflüchtigt, wie die Aromen, die bei zu langem Kochen verlorengehen und die wir heute so oft schon künstlich zusetzen müssen.
Ein langer Text mit vielen Gedanken – ich befürchte, das Wesentliche ist damit immer noch nicht gesagt.
Aber macht mich das “Wesentliche” froh?
Die Suche geht weiter…